Ja, ich hätte den Titel auch anders wählen können, irgendwas Nachdenkliches oder Tiefsinniges, aber ich wollte keine Hoffnungen aufkommen lassen, noch lange rumschreiben, bevor man das schreckliche Ende erfährt. Es ist wie ein Drama das man “Am Ende stirbt die Hauptperson” nennt. Es zerstört die Überraschung am Ende, aber gerade das will ich, weil es eine böse Überraschung wäre und während man liest würde man doch noch Hoffnung aufbauen, dass sich ein gutes Ende einstellt, aber das wird es nicht…
Also, wer war Kalle? Um wieder die Spannung zu nehmen, er war ein Kater. So, jetzt wird wohl die Hälfte weg sein, die sich auch nur Ansatzweise wegen des Titels auf diese Seite begeben haben. Egal, Kalle war der Kater eines sehr guten Freundes. Letzten Sommer trat er in sein und damit auch in mein Leben. Er war jung, blutete, hatte Fellbüschel verloren, zerzaustes Fell, hatte eine verschnodderte Nase, verschleimte Augen, war abgemagert bis auf die Knochen und konnte kaum laufen. Das ist nicht die Vorstellung eines süßen Kätzchen, sondern eines Lebewesens, dass von seinen Besitzern an der Bundesstraße ausgesetzt wurde, weil man ihm kein Heim bieten wollte. Ja, das ist nur eine Vermutung, aber mein Freund lebt auf einen abgelegenen Grundstück mit 2 Grenzen zu einem Feld, einer Grenze zu einem Moor und eine Grenze zu einer Bundesstraße. Wenn sich hier mal eine Katze auf dem Grundstück herumtreibt, dann ist es eine wilde Katze, die weiß, wie man auf sich aufpasst oder es ist ein Stubenkätzchen, dass zum Sterben am Rand der Straße ausgesetzt wurde.
So kam Kalle zu uns. Wer war Kalle? Kalle war die Anti-Katze… Katzen sind hygenisch, sauber, intelligent und geschickt? Wenn du Kalle getroffen hast, wusstest du, dass Katzen das nicht sind. Kalle wieder auf die Beine zu bekommen hat Monate gedauert. Sein Fell verdichtete sich, sein Bauch wuchs, seine Wunden heilten und seine Krankheit besserte sich, aber was blieb war sein Schnupfen. Die Tierärztin meinte, dass er das sein ganzes Leben nicht mehr los wird, es ist sowas, wie ein Mal dafür, wie nah er dem Tod schon war. Und so rotzte er ununterbrochen… *RackPfft* Ja, das waren seine Laute. *RackPfft* Ich habe ihn nur selten mautzen gehört und wenn dann war es ein gequältest Geräusch, dass mehr an Krächzen erinnerte und für ihn erst möglich war, als er wieder fitter war. Er wartete meist mit seinem Geschäft, wenn sein Herrchen und ich es uns in unseren Sesseln gemütlich gemacht hatten und unser zubereitetes Abendbrot zu einem Film verspeisen wollten… Es stank abgöttisch und grenzte an Blasphemie… Sein Überbiss war legendär, sein Oberkiefer ragte weit über den Unterkiefer, so dass er wie eine Mischung aus Vampir und Katze wirkte mit seinen herausragenden Eckzähnen. Er schmiss alles um. Externe Festplatten, Flaschen, Gläser, Blumentöpfe, etc. … Es grenzte an Absicht, aber das war es nicht, er war einfach unglaublich ungeschickt… Er sah Hindernisse, versuchte ihnen auszuweichen und dran vorbei zu kommen und was geschah? Er schmiss sie um. Das Interessanteste war aber, dass er in seiner eigenen Welt lebte. Er bekam gefühlt kaum was mit. Pinky hatte Angst vor ihm und das sagt schon vieles. Pinky ist eine Stubenkatze, nein, ein Stubentiger im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn ein Lebewesen anders als ein Mensch ihr Revier betrat, dann wurde es angefaucht, angegriffen und vermutlich in letzter Konsequenz getötet… Hund, Katze, Kaninchen? Egal, Pinky hatte es mit jedem aufgenommen, nur nicht mit Kalle. Warum? Weil Kalle anders war… Das klingt komisch, aber es ist so. Selbst ich habe Angst Pinky zu streicheln, wenn sie gerade ihr Territorium verteidigt, jedes Tier hat Angst, aber Kalle, Kalle hatte keine Angst. Man kann fast sagen, dass er nicht verstand, was Pinky ihm mit dem Buckel, den Klauen und dem Fauchen sagen wollte. Er freute sich einfach ne andere Katze zu sehen und das machte Pinky Angst. Ein Tier, welches keine Angst zeigt, muss überlegen sein und so war Kalle vermutlich das einzige Tier vor dem Pinky floh. Es klingt unglaublich, dafür, dass sich diese Katze auch schon auf Hunde stürtzte und gewann!
Nun fragt ihr euch, warum man Kalle behalten sollte. Am Anfang habe ich es auch nicht gewusst, aber unter all dem Rotz, verkrusteten Blut und dem einfältigem Verhalten steckte ein gutmütiges Herz. Jeder träumt von einer Schmusekatze und ehrlich gesagt waren die wenigsten Katzen, die ich getroffen habe wirklich Schmusekatzen. Ein bisschen Streichen war ok, aber nach ein paar Minuten hörte das Interesse auf. Kalle hat Stunden auf meinem Schoß verbracht. Ganze Filmabende an denen ich es mir Stunden verkniff auf Klo zu gehen und dann zum letzt möglichen Zeitpunkt diesen Kater davon überzeugen musste, dass ich ihn kurz anders betten muss. Nach mehreren Stunden hatte ich einen “Streichel-Reflex”, anders kann ich das nicht nennen, weil ich nicht mehr nachdenken musste diese Katze zu streicheln, es geschah automatisch. Kalle folgte uns wohin er konnte. Er wartete vor Türen, wenn wir drinne waren und er nicht rein konnte und er verabschiedete mich und folgte mir teilweise durch das Moor, wenn ich ging. Man spürte, dass er an einem hängt, weil trotzdessen, dass er scheinbar vieles nicht begriff, zumindest wusste, dass er es an keinem Platz hätte besser haben können. Und trotz all seiner Macken muss ich auch sagen, dass er mir ans Herz wuchs, weil ich ihm nicht egal war und er mir auch nicht.
Nun wisst ihr, wo Kalle her kam, was seine Macken waren und was ihn trotzdem zu dem König unserer Herzen machte. Wir nähern uns somit dem Ende und falls ihr es vergessen haben solltet: Er ist tot! Erwartet keine Wendung, denn dies entspricht einem Drama und ein Drama endet immer tragisch…
Es war Freitag. Wir guckten Filme, Kalle genoss unsere warmen Schöße und machte Faxen. Irgendwann um 10 Uhr gingen wir raus und Kalle schnupperte frische Luft und verkroch sich in den Büschen. Das tat er öfter mal für ne Stunde in der Nachtluft, um sich auszutoben und Kröten zu ärgern und Schnecken zu betrachten. Aber das Quietschen an der Tür, das er mit seinen Krallen erzeugte, um auf sich aufmerksam zu machen und wieder reingelassen zu werden blieb aus. Um 12 Uhr ging ich nach Hause. Ich machte mir keine Gedanken…
Nächster Morgen, Samstag. Ich duschte, bereitete mich auf einen größeren DVD Abend mit Freunden vor. Doch als ich online komme, sagt mir mein Freund ab. Er will nicht fahren. “Ok, geht es dir nicht so oder eher keine Lust? Oder Auto kaputt? Oder Kalle krank?!? Nein, doch nicht Kalle!
T_T”, fragte ich scherzhaft. Manche Kommentare tun einem im Nachhinein nur noch leid. Dieser schlechte Scherz tut mir doch sehr leid… Es hätte etwas mit Kalle zu tun, meinte mein Freund… Mir wurde mulmig… Da war ein Gülle-Trecker gewesen, der auf dem Nachbarfeld die Gülle ausgetragen hat. Hoffentlich hat Kalle nicht auf den Feldern rumgetobt und sich etwas eingefangen oder sich vergiftet. Es wird doch hoffentlich nur eine leichte Krankheit oder ein Schwindel sein…
Nein, es war ein Auto. So enden Katzen nun mal an einer Bundesstraße, sie werden überfahren. Die Familie des Kumpel hatte schon 3 Hauskatzen verloren bevor sie Pinky im Haus hielten und nur an einer Leine im Garten fest banden. Der Unterschied zwischen den 3 Katzen und Kalle ist, dass ich die 3 anderen Katzen nicht kannte und dass es die Familienkatzen waren, die die gesamte Familie betrafen. Kalle war die Katze meines Freundes, er wurde von ihm eigenhändig aufgepeppelt, umsorgt und jedes Wochenende, wenn ich zu ihm kam, wurde Kalle auch meine Katze, zumindest vom Gefühl her. Mein Freund fand Kalle am nächsten Morgen neben der Fahrbahn liegend nachdem er die Nacht über nach ihm gesucht hatte, weil er nicht zurück zu seinem Schlafplatz kam. Ich kann mich nur damit trösten, dass er weggeschleudert und nicht zerdrückt wurde und das er ja eigentlich im letzten Sommer gestorben wäre und so ein wenig mehr Zeit bekommen hat… Ein verflucht beschissener Trost, dafür, dass ihm nochmal zehnmal mehr Zeit gegönnt hätte…
Das ist das einzige Bild, dass ich von Kalle habe… Ich hätte mehr Fotos machen sollen, aber ich dachte auch, dass wir mehr Zeit hätten…
